Zeitzeugenberichte zum Wiederaufbau des Nationaltheaters

Anlässlich des Jubiläums "50 Jahre Wiedereröffnung des Nationaltheaters München" im Jahr 2013 melden sich einige Zeitzeugen aus den Bereichen der Politik, Gesellschaft, der Medien, der Musiklandschaft aber auch der damaligen Bauverwaltung zu Wort und geben dadurch einen interessanten Blick in die damalige Wahrnehmung der Münchner Bürgerschaft.

Dr. Hans-Jochen Vogel

Münchner Oberbürgermeister a.D.

Als seinerzeit amtierender Oberbürgermeister erinnere ich mich noch gut an die Wiedereröffnung der Münchner Staatsoper am 21. November 1963. Und ich freue mich auch heute noch darüber, dass die Oper - nicht zuletzt auf Grund des hartnäckigen Engagements der "Freunde des Nationaltheaters" - in ihrem ursprünglichen Zustand wiedererichtet worden ist. Überschattet wurde die Wiedereröffnung übrigens von der Ermordung John F. Kennedys am 22. November des gleichen Jahres. Einen Empfang am Abend des 22. November 1963 im Alten Rathaussaal, zu dem die Stadt aus Anlass der ersten Aufführung im wiedererstandenen Operngebäude eingeladen hatte, habe ich deshalb abgebrochen, als die Todesnachricht eintraf.

Franz Freisleder

Lokalredakteur der Süddeutschen Zeitung 1956-1996

Es bedeutet mehr als ein Theaterjubiläum, wenn Münchens Staatsoper heuer am 21. November den 50. Jahrestag der Wiedereröffnung ihres im Zweiten Weltkrieg zerstörten Hauses feiern kann. Ist es doch auch das Jubiläum eines Triumphes der "Freunde des Nationaltheaters"! Mit diplomatischem Geschick und vielen spendenbringenden Aktionen hat diese erste Münchner Nachkriegsbürgerinitiative gegen den ursprünglichen Widerstand politischer Entscheidungsträger den Wiederaufbau des Nationaltheaters am alten Platz erzwungen. Und ebenso - gegen teils massive Polemiken von Befürwortern eines modernen Neubaus - die Rekonstruktion nach dem Vorbild von Fischer-Klenze. Mit diesem Projekt wurde damals ein erstes, Bewusstsein bildendes Zeichen für den künftigen Umgang mit Werten gesetzt, die München wieder wie einst leuchten lassen sollte.

Hans Heid

Leiter des Planungsbüros der Staatlichen Bauleitung Nationaltheater

Bürgerinitiativen und einflussreiche Kreise aus Politik und Verwaltung "erzwangen" nach einem Architektenwettbewerb in den Jahren 1956/57 den Wiederaufbau des Nationaltheaters. Der Verfasser dieser Zeilen war als engster Mitarbeiter der beauftragen Architekten Professor Gerhard Graubner und Ministerialrat Karl Fischer verantwortlich für die Planung und Begleitung des Wiederaufbaus des "historischen" Hauses. Dabei dienten die Originalpläne Karl von Fischers aus dem Jahre 1818 - soweit vorhanden - als Grundlage. Änderungen im Grund- und Aufriss mussten berücksichtigt und Fehlendes ergänzt werden.

Eine interessante, einzigartige Aufgabe in einer Zeit des allgemeinen Aufbruchs. Für die meisten Beteiligten war ein so großes Bauvorhaben Neuland, die Bauverwaltung ließ den Verantwortlichen für die Realisierung die notwendigen Freiräume. Ort des Geschehens war der erste Stock im Marstall hinter der Oper. Heute findet sich in diesem Teil des Marstalls der "Brenner".

Es gab damals noch keine Computer. Es wurde gezeichnet, gezeichnet und gezeichnet. Wer kennt schon die Zahl der Skizzen, Modelle und Pläne: 5.000, 10.000 oder mehr? Für heutige Verhältnisse unvorstellbar. Es wurden die Ärmel hochgekrempelt und angepackt - es entstand ein Haus, das allen, auch den Befürwortern "einer Moderne", nach wie vor Bewunderung entlockt.

Ich bin gleichermaßen dankbar und stolz auf das Haus am Max-Joseph-Platz, ein Höhepunkt in meinem Architektenleben!

Heinrich Bender

Bayerischer Staatskapellmeister a.D.

1959 engagierte mich Rudolf Hartmann ans Prinzregententheater, dessen amphitheatralisches Auditorium mir von meiner Assistenztätigkeit in Bayreuth wohl vertraut war. Es beherbergte nach dem Kriege unser hochgerühmtes, gefeiertes Staatsopernensemble, dessen Vorfreude auf den Umzug ins Nationaltheater auf eine lange Probe gestellt wurde.

Die Initiative ging wieder von der Münchner Bürgerschaft aus. War es nach dem Brand von 1823 der Bierpfennig, so mühten sich jetzt besonders Jakob Baumann, Paul Schallweg und viele andere "Freunde des Nationaltheaters" mit Tombolen und unendlich vielen Beschaffungsaktionen um die Wiederaufbaumittel des dem Apoll und den Musen geweihten "Tempels" von Karl von Fischer und Leo von Klenze. 6,5 Millionen Mark wurden von den "Freunden" aufgebracht und nicht zuletzt waren es auch sie, die auf sinnfälige Weise durch die Restitution der Giebelfeldskulpturen dem Bau die Symbole seiner Bestimmung wiedergaben. 

Als sich am 21. November 1963 anlässlich der Wiedereröffnungsfeier im Nationaltheater der Vorhang zu ersten Mal wieder hob, stand das gesamte Ensemble auf der Bühne. Rudolf Hartmann zitierte in seiner Ansprache die ersten Worte des 2. Aktes aus dem Rosenkavalier: "Ein ernster Tag, ein großer Tag! Ein Ehrentag, ein heiliger Tag!" München hatte sein Opernhaus wieder.

Nun feiern wir schon den 50. Jahrestag der Wiedereröffnung. Wir haben viele unvergessliche Aufführungen erlebt. Aber auch vieles hat sich seither gewandelt. Seien wir dankbar für die Kontinuität des Fischer´schen Monuments in Münchens Mitte, das auch den Wandel beherbergt. Diesem, unserem "geliebten Haus" - wie es von Rudolf Hartmann apostrophiert wurde - wünsche ich viele weitere halbe Jahrhunderte mit großen Opernereignissen; Inszenierungen, die, wie Hartmanns Nachfolger Günther Rennert es formulierte, von der zeitgeschichtlichen und stilistischen Bindung der Werke ausgehen, geboren aus der theatralischen und musikalischen Form.

Gratulation und Dank an die "Freunde des Nationaltheaters", die nicht nur stets fördernd bereit waren und es sind, sondern auch den "Mimen Kränze flechten"! Sie haben zwar keinen Bierpfennig erheben können, dafür aber zur Erinnerung an die Wiedereröffnung einen "Operator" ins Leben gerufen!  

Prof. Otto Meitinger

Präsident der TU München a.D., ehem. Vorstand des Residenzbauamtes

Ich bin als Münchner Bürger froh und dankbar, dass die Oper wieder im ursprünglichen Zustand aufgebaut wurde und man nicht dem damaligen Zeitgeschmack erlag. Die seinerzeit als modern geltenden Gebäude erwiesen sich als nicht angemessen für die Charakteristik der Oper. 

Martin Schallweg

Mitglied des Vorstandes der Freunde des Nationaltheaters

Für mich als Sohn des damaligen Geschäftsführers der "Freunde des Nationaltheaters" waren die Jahre des Wiederaufbaus bis hin zur Wiedereröffnung des Hauses 1963 spannende Jahre, aus denen ich viele Höhepunkte der unzähligen - für die 50er und 60er Jahre spektakulären Aktivitäten - der "Freunde" noch in lebendiger Erinnerung habe. Ich erinnere mich an die alljährlichen Großtombolen, zunächst in der Neuhauser Straße, dann am Karlsplatz Süd und Nord (am Nord hab ich sogar einmal eine frisch geschlachtete Gans gewonnen!), an die Großflugtage 1954 und 1955 auf dem Oberwiesenfeld, an das Transparent am Portikus des Nationaltheaters "Die Oper muss zum Jubiläumsjahr 1958 fertig sein. Helft den Freunden des Nationaltheaters!", an die Großkonzerte mit Musikkorps aus Deutschland, Schottland und den USA 1960 und 1961 in der Bayernhalle und, und, und...

Und ich war beteiligt! Über viele Jahre durfte ich Spendenaufrufe "eintüteln", Handzettel verteilen und in den Ferien Botendienste verrichten - alles ganz wichtige Tätigkeiten...

Die glanzvolle Eröffnung erlebte ich besonders durch den Stress meiner Eltern im ständigen Kommen und Gehen über Tage hinweg und das in ständig wechselnden Garderoben. 

Wo ich dabei sein konnte und durfte, das war die Bürgerpremiere am 29. November 1963 mit den "Meistersingern". Ich hatte auch diesem Abend einen wichtigen Job: Das Verteilen einer Ehrengabe an die Sesselstifter. Die Ehrengabe war in Erinnerung an die Geschichte des Hauses mit dem Bierpfennig ein "Bschoad" - ein Bierkrug, eine Flasche Operator, ein Kreuzerwecken und ein Bund Radieserl - zusammengebunden in einem großen Schnupftabaktuch. Es war ein faszinierender Abend, das festliche Haus, die feine Gesellschaft und das Bühnengeschehen - weniger die Musik: Sie war nicht die meine - die meine war seinerzeit "Hello Mary Lou" und so!

Ganz besonders erinnern und Dank sagen möchte ich als großer Opernfreund jenen zwölf Münchner Bürgern, die Gründerväter der "Freunde des Nationaltheaters", die über viele Jahre für ihr geliebtes Haus gekämpft und gegen die "Obrigkeit" auch mal verloren haben, aber letzten Endes ihr Haus für die Münchner Bürgerschaft wieder aufgebaut haben. Und ehrlich gesagt, was wäre aus München ohne dieses Nationaltheater geworden! 

Produktionsförderung

Die Freunde des Nationaltheaters fördern mit insgesamt 50.000 Euro die Neuproduktion 2017 des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper. Die Premiere von "The Consul" von Gian Carlo Menotti hat am 28. März im Cuvilliés-Theater Premiere. 

Kent Nagano am Flügel